„Das Bild muss so still werden, dass man erschrickt, wenn an die Tür gepocht wird“ hat der Schweizer Maler Arnold Böcklin (1827-19001) über sein mystisch düsteres Bild „Toteninsel“ gesagt. Fünfmal hat er dieses Motiv aufgegriffen. Diese Betrachtung widmet sich dem Bild „Toteninsel III“.

Eine hohe helle Felseninsel liegt in stiller, glatter See. In die Felsen sind Fenster und Türdurchbrüche gehauen. Der Himmel hängt voll dunkler bewegter Wolken. Das Innere der Insel wirkt besonders finster. Oberhalb der Dunkelheit ragen schlanke dunkle Baumwipfel in den Himmel. Vor der dunklen Mitte steht eine Natursteinmauer, sie öffnet sich zum Wasser hin. An die Insel landet gerade ein kleines Ruderboot an. Eine leuchtend weiße stehende Gestalt wird herüber gerudert. Sie scheint gar nicht in die düstere Welt zu passen. Genausowenig wie die sargförmige hellweisse, blumengeschmückte Kiste vor ihr.
Das irdische Element Stein oder Mineral steht prägnant in der Mitte. Die verhärtete, tote Materie wird vom bewegten, belebenden Element Wassers umspült. Auch die Felseninsel trägt Leben. Auf ihr stehen dunkle Pappeln oder Espen. Die Pappel ist in Europa ein Symbol für Tod und Abstieg in die Unterwelt. Siel hat astrologische Bezüge zum Saturn. Also zu dem Planeten der für Bleischwere und Alter steht, aber auch einen Umschwung kreiert. Homer nennt die Schwarzpappel den Eingang zum Totenreich Hades. Die Blätter einer Espe sind dauernd in flirrender Bewegung. In ihrem Rascheln wurden Gottheiten vernommen, deshalb dienten sie als Orakelbäume. Eine Espe war auch die Wächterin der mythischen Wiedergeburt der Sonne.
Das Element Luft umwebt die ganze Insel in dramatischen Wolkenballungen. Das Element Feuer ist nicht direkt zu sehen. Innerhalb des Menschen ist der vom ICH beherrschte Geist das Feuerelement. Das ICH ist dasjenige, was nach dem Tod letztlich vom Menschen bleibt. Der menschliche Wesenskern wird auch als Lichtgestalt angesehen. So wird die helle stehende Figur auf dem Boot ein Bild des ICHs bzw. des Feuers, das nachtodlich gerade seine neue geistige Heimat erreicht.
Die Erde und besonders Felsen oder größere Steine gelten seit der Steinzeit als Sitz des Lebens nach dem Tode. Darin wurzelt letztlich die Tradition einen Grabstein aufzustellen. Die Verstorbene Seele scheint hier gerade neu einzuziehen. Interessant ist dabei, das offenbar kein endgültiges Ende erreicht ist, sondern im Gegenteil, es könnte etwas neues beginnen. Führt der nachtodliche Weg auch bis an die Grenzen unseres Sonnensystems, bis zum Saturn, von Saturnsphäre ausgehend wurden früher auch immer Umkehrimpulse erlebt. Irgendwann schickt sich das ICH wieder an, zur Erde zurück zu kehren.
Vielleicht ist es gar nicht so erschreckend, wenn es eines Tages an die Tür pocht, gerade wenn man dabei an dieses Bild denkt …