Der florentiner Maler GIOTTO di Bondone (1266-1337) hat in der Basilika von Assisi einen grossen Freskenzyklus über den heiligen Franziskus verfasst. Dazu gehört auch das Fresko „Franziskus predigt den Vögeln“. Die Legende dazu lautet: Franziskus wanderte eines Tages mit einigen seiner Brüder in der Umgebung von Assisi. Auf einem Baum, an dem sie vorbeikamen, entdeckten sie viele verschiedene Vögel. „Ich will ihnen eine Predigt halten“, sagte Franziskus. Die Brüder schauten einander verwundert an. Franziskus blieb unter dem Baum stehen. „Liebe Geschwister“, sagte er. „Friede!“ Da flatterten alle aufgeregt durch die Luft und liessen sich dann auf dem Boden vor Franziskus nieder. Ohne sich zu bewegen, ohne einen Laut von sich zu geben, schauten sie zu ihm auf und hörten ihm zu. „Meine lieben kleinen Geschwister. Freut euch, denn Gott hat euch gerne. So wie ihr lebt, würde es mir auch gefallen. Ihr seid frei. Ihr könnt fliegen, wohin ihr wollt. Heute seid ihr hier, morgen seid ihr dort. Ihr habt kein festes Haus, in dem ihr wohnt. Ihr lebt in den Bergen, auf den Hügeln, in Felsen oder in den Städten und Dörfern. Ihr nistet für kurze Zeit in den Bäumen, aber dann seid ihr wieder unterwegs. Ihr trinkt aus den Bächen und den Quellen, die ihr findet. Obwohl ihr keine Felder bebaut, nicht sät und nicht erntet, braucht ihr euch um das tägliche Essen nicht zu sorgen. Gott sorgt dafür, dass ihr immer genügend zum Leben habt. Seid dankbar dafür und vergesst nicht Gott zu loben!“ Als ob sie ihm sagen wollten, dass sie ihn verstanden hatten, öffneten sie ihre Schnäbel und flatterten mit den Flügeln. Dann segnete Franziskus die Vögel und machte das Kreuzzeichen über sie. Die Vögel erhoben sich und flogen davon.

Bleiben wir bei der Deutung, dass eine menschliche Seele früher oft als Vogel dargestellt wurde. Der (inkarnierte) Mensch wurde und wird auch heute noch gern auch als Baum gesehen. Wenn Franziskus viele verschieden Vögel auf einem Baum antrifft, heißt dass wohl, er trifft auf eine Gruppe unterschiedlicher lebender Menschenseelen, also auf „Geschwister“. Sein Ausruf „Friede“ könnte eine Formel zu sein, die eine bestimmte Aufmerksamkeit in den Menschen wachruft, im Sinne einer Einweihungsformel. Auf jeden Fall werden die Zuhörer ganz still, so das sie das was er zu sagen hat mit gesteigerter bzw. vertiefter Aufmerksamkeit in die eigenen Seelen aufnehmen. Er teilt ihnen tatsächlich altes Mysterienwissen mit. Er erklärt ihnen nicht anderes als den Zusammenhang von Leben und Tod und die Wiedergeburt (… ihr nistet für kurze Zeit in den Bäumen, aber dann seid ihr wieder unterwegs …). Die Vögel sitzen während der Predigt nicht nur auf dem Boden, sie befinden sich auch in der unteren Bildhälfte, im dunkelblauen Bereich der Erde. Das himmlische Reich liegt in der oberen Bildhälfte und ist in zartem Hellblau dargestellt. Franziskus hat auch im Irdischen Anteil am Himmelreich. Sein Nimbus hat die selbe Farbe wie der Himmel. Er ist in seiner geistigen Entwicklung demnach deutlich weiter fortgeschritten als selbst sein hinter ihm stehender Ordensbruder und als das profane Volk sowieso. Aber er spricht die Sprache des Vogel-Volkes, er kann zwitschern.