Die zeitgenössische Kunstmalerin Silvia Gorr lebt in der Nähe von Stuttgart. Ihre Zeichnung „Auf der Suche nach …“ (2010) ist etwas untypisch für die Arbeiten der Künstlerin.

Im ersten Moment sieht man (am Original mehr als auf der Abbildung) nur kantige, kauzige Linien und Flächen in verschiedenen Graustufen und wenigen zurückgenommenen Farben. Man sucht nach einem Motiv. Dann fügen sich die Linien und Flächen zusammen. Die Szenerie findet im Winter statt. Rundum stehen einige entlaubte Bäumchen oder Sträucher. Zwischen den Zweigen könnten kleine Vögel sitzen, die die Szenerie beobachten. Im Zentrum steht still ein Fischreiher im steinigen Bachbett. Vor dem Reiher deutet sich eine dunkle Felswand an. Die Atmosphäre ist angereichert mit Nebelfetzen und Schneeduft. Eine fahle Sonne erhellt den Platz. Das Bild strahlt Aufmerksamkeit, Konzentration und Ruhe aus.

Silvia Gorr nennt das Bild „Auf der Suche nach dem Fischreiher“. Das ist ein deutlicher Hinweis auf das Bildmotiv. Wenn man den Titel kennt ist das Motiv viel leichter zu entdecken. Aber was entdeckt man „eigentlich“, wenn man den Fischreiher entdeckt? Das Bild vermittelt etwas, was heute nur zu oft und leicht verloren geht. Alles auf dem Bild hat Muse. Der Reiher kann warten. Die beobachteten Vögelchen können warten. Kann auch der Betrachter warten? Auf was soll er warten? Er weiß doch schon was auf dem Bild zu sehen ist. Oder?